Friedlichen Revolution 1989 in der DDR

Verfasst am 26.06.2009 10:06:15 Uhr

Kritische Ansichten über … den tatsächlichen Wert und den Charakter der „Friedlichen Revolution“ 1989 in der „DDR“

Das Bedenkliche bei der Bewertung, der Wertschätzung und Würdigung der „Friedlichen Revolution“ durch die Politiker, die Medien, in der Öffentlichkeit ist, dass die Verhaltensweise der „Friedlichen Revolutionäre“, der revolutionären Bevölkerung, der „Helden“ bis ins Jahr 1989 beflissentlich ausgeblendet wird.

So kann Geschichte, kann Zeitgeschehen verfälscht und deformiert, heute aber keinesfalls ehrlich aufgearbeitet und damit präventiv genutzt werden. Denn die wirkliche Ursache für die Entstehung von Diktaturen bleibt dadurch weiterhin unbeachtet und der Nährboden hierfür erhalten.

Die Frage muss erörtert werden: Warum haben die Menschen in der „DDR“ bis 1989 sich doch unbestreitbar feige, willfährig bis gleichgültig verhalten? Niemand ist vom Regime dazu wirklich gezwungen worden!
Zum Aufbau eines Heldenmythos
(Helden der Friedlichen Revolution 1989)


Sind die Hunderttausende Flüchtlinge über die ungarische Grenze nach Österreich und die Ausreisewilligen in den Botschaften der Tschechei jemals als Helden durch die Medien oder Politiker bezeichnet worden?
Fakt aber ist, dass gerade diese Menschenmassen erheblichen Anteil an der Beschleunigung des rasanten Verfalls der „DDR“ hatten, mehr als alle Demos, die in den größeren Städten (Kultstätten) stattfanden. Nur will niemand das wahrhaben, der nicht zu den Flüchtlingen zählt. Und gerade die haben tatsächlich Kopf und Kragen riskiert, ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

Diese meist jungen Menschen haben dem Menschen fressenden kranken Moloch den Todesstoß versetzt. So denke ich.

Die in den Medien gefeierten Helden aber saßen zu dieser Zeit bei Kerzenschein in den Kirchen oder bildeten Menschenketten, verbunden mit im Hauch der Angst flackernden Kerzen in Händen. Und bei den später folgenden Massenaufmärschen – die davor erfolgte Massenausreise der Flüchtlinge und Botschaftsbesetzer durch das Territorium der „DDR“ machte Mut – fanden sich Transparente wie „Wir wollen keine Gewalt (tut uns nichts, denn wir sind friedlich …)“ oder „Wir bleiben hier! (wir stehen zur DDR)“. Eine eher peinliche, verschrobene „ehrenwerte“ Gesellschaft, die letztendlich und unbestreitbar von den Menschen mitgestaltet und erst so mit Leben erfüllt worden war. Nur will heute niemand mehr mit den kompromittierenden Schattenseiten dieses Konstrukts konfrontiert werden.


Aus einer EMail vom 30.06.09 an www.neuerichtung.de http://www.neuerichtung.de/

Hallo Herr H.,

Ihr „… Ziel heißt demokratischer Wandel.“

Sie und Ihre Mitstreiter wollen die Bundesrepublik verändern, lese ich da.

Das gaben die selbsternannten Klassenkämpfer der so unausweichlich wie kläglich gescheiterten „DDR“ seinerzeit auch vor. „Frieden“ und „Demokratie“ waren die meiststrapazierten Vokabeln dieser Heuchler und Taugenichtse. Was ist bei denen wirklich gelaufen? An der Tagesordnung waren tiefe Menschenverachtung und Repression, Einschüchterung, kollektives Mobbing von Leuten, die in diesem schizophrenen Zirkus nicht mitspielen wollten, Heuchelei, Verlogenheit, Feigheit, Selbstüberschätzung, Größenwahn. Diese unattraktiven Charaktereigenschaften zogen sich wie ein roter Faden durch die ganze „ehrenwerte“ Gesellschaft. Die Menschen, die dieses verlogene System mitgestaltet und so erst möglich gemacht hatten, fühlen sich allesamt unschuldig und unbeteiligt, ja sogar selbst als Opfer (wir haben von nichts gewusst, wir wurden betrogen, wir wurden zu allem gezwungen). Die haben zwar alles willfährig mitgemacht, aber mit der Verantwortung all dessen wollen sie heute nichts zu tun haben.

Man sieht, dieses peinliche Verhaltensmuster besteht nach wie vor. Wie sollte das auch anders sein. Mit Aufarbeitung, ehrlich und schonungsloser Aufarbeitung der eigenen Geschichte haben die Menschen nichts am Hut. Sie alle wollen weitermachen wie gehabt. Doch ohne den Blick auf den eigenen inneren Schweinehund und ehrliche Einsichten über das eigene, individuelle Fehlverhalten wird es keine Veränderungen von (kollektiven) Verhaltensweisen der Menschen geben. Und somit auch keine positiven Veränderungen in der Gesellschaft.

So gesehen war auch 1990 zu keinem Zeitpunkt eine Grundlage dafür gegeben, für uns alle vorteilhafte Veränderungen der bestehenden Gesellschaft herbeizuführen. Es gab die von Ihnen erwähnte, aber verpasste Chance dazu einfach nicht, nämlich weil die Menschen sich nicht geändert haben.

Mich würde Mal interessieren, was Sie bis zum Zusammenbruch mit Ihrem Leben in dieser „DDR“ gemacht haben, wo überall Sie darin mitgewirkt hatten und wie Sie Ihre eigene Verhaltenweise in der Familie, im Kreis von Freunden und im beruflichen Umfeld bezüglich der Ehrlichkeit gegenüber dem Regime charakterisieren würden.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus R.

Antwort von Herrn H.

Hallo Herr R.,

ganz kurz: ich war 11 Jahre, als die Mauer fiel und habe eine glückliche Kindheit in der DDR verbracht. Wenn ich die Sache aus heutiger Sicht sehe, wäre ich vermutlich sowohl über meine christliche Erziehung als auch über den Umweltschutz irgendwie in die DDR-Opposition gelangt, wäre die Mauer nicht gefallen.

Ich bin keiner, der sich mit unbefriedigenden Zuständen abfindet. Ich habe großen Respekt vor jenen Opfern der DDR-Willkürjustiz. Ich lasse mir aber auch nicht von außenstehenden Scharfmachern erklären, dass hier alles Scheiße gewesen ist.

Ohne Not hat auch Hr. Adenauer jede Menge Nazis in unsere Demokratie integriert, um mal bei der Sprache von Hr. K. zu bleiben.

Mich stört diese ideologisch-dogmatische einseitige Sichtweise aus den alten Ländern. Wir wollen vor allen Dingen den politischen Gegner an inhaltlichen Punkten packen und nicht das Dritte Reich oder DDR oder sonst etwas aus der Mottenkiste holen, um den politischen Gegner zu stigmatisieren. Daran sind wir nicht interessiert.

Vielleicht sollten Sie auch folgendes sehen: ich und meine Generation haben in der DDR nicht groß gelitten, wir waren noch Kinder. Bei den älteren Generationen sieht das schon anders aus und daher verstehe ich Ihre Haltung.
Um die Aufarbeitung der Vergangenheit sollen sich aber Stiftungen, Vereine etc. kümmern.

Wir wollen die Gegenwart und die Zukunft gestalten.

Viele Grüße – Kay Hanisch
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meine Antwort:

Hallo Herr Hanisch,

ich hab’s, glaub‘ ich jedenfalls, begriffen: Sie wollen ab 1990, der Stunde Null unsere Welt verändern. Aber wie es heißt, hat jemand ohne Vergangenheit auch keine Zukunft. Diese Behauptung stammt nicht von mir, aber ich halte sie gar nicht für so abwegig. Die Fehler der vorherigen Generationen erkennen zu wollen, zu analysieren, einzuordnen und – zu verwerten, dürfte beim Beschreiten neuer Wege, beim Einschlagen einer neuen Richtung eher hilfreich als hinderlich sein, meinen Sie nicht auch?

Meine Kinder haben übrigens in der Zeit bis 1979 sicherlich auch eine glückliche Zeit gehabt, wenn ich von ihren ängstigenden Erfahrungen mit der Exekutive des SED-Blockflöten-Staates einmal absehe. Kinder sind eigentlich immer irgendwie glücklich, in jeder Zeit und in nahezu jeder Situation, solange sie unter der Fürsorge ihrer Eltern behütet sind. Selbst Kinder in der Nazidiktatur waren mehr oder weniger auch – glücklich. Aber darum geht es hier nicht wirklich. Die Befindlichkeiten der Kinder sind also nicht unbedingt das vordringliche Thema.

Mir ist über Ihr Elternhaus nichts bekannt, auch nichts darüber, inwieweit Ihre Eltern in das verkommene (klingt hasserfüllt, ist es aber nicht) Regime involviert waren und wie sie heute darüber befinden (Wir haben alles richtig gemacht …). Fakt ist aber, dass viele Eltern ihren Kindern ein ziemlich verlogenes, äußerst lückenhaftes Abbild ihres eigenen Wirkens in der „DDR“ und über diese „DDR“ mit auf den Weg geben. Die ernüchternden Feststellungen der letzten Monate über das erschreckende Bildungsdefizit bei Schülern – insbesondere bei solchen in den „Neuen Bundesländern“ – gerade im Blick auf die „DDR“- Verhältnisse, sprechen für sich. Hier hilft kein Wehgeschrei und plumpe Schuldzuweisung, sondern Aufklärung und Richtigstellung der inzwischen deformierten oder totgeschwiegenen „Realität“.

Sicher war nicht alles – Ihr Wort – Scheiße. Aber selbst mit diesem großzügigen Einwand wird die „DDR“ nicht besser als sie war.


Wie sollen die nachfolgenden Generationen sich vorteilhaft, im Sinne einer menschlichen, einer ehrlichen, einer vertrauenswürdigen, einer menschenwürdigen Gesellschaft entwickeln, wenn ihnen ein geschöntes, verlogenes Geschichtsbild mit auf den Weg gegeben wird? Was wollen, was sollen die Nachrückenden Erwachsenen dann besser machen (können)?

Hierzu ein Zitat: „Jede nachrückende Jugend bedeutet eine neue Chance für eine bessere Gesellschaft, aber auch die Gefahr neuer Verbrechen gegen die Menschlichkeit…“ – Das klingt hart und übertrieben, ist aber deshalb nicht unbedingt falsch …

Vielleicht können Sie mir sogar zum besseren Verständnis Ihrer eigenen Haltung zur Notwendigkeit der Vergangenheitsbewältigung etwas über das Leben Ihrer Eltern in der „DDR“ mitteilen? Der Arbeitstitel des Buches, an dem ich gerade werkle, ist: „Die Mentalität der Deutschen“. (Hier sind übrigens alle unsere Landsleute zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit u.a. darin besteht, unfähig zu sein, die eigene Geschichte und ihr Mitwirken darin ehrlich und selbstkritisch aufzuarbeiten.)

Nach meinem Verständnis ist gerade die Fähigkeit zur kompromisslosen, ehrlichen Aufarbeitung von Geschichte und der eigenen Mitwirkung darin der Schlüssel für die Gestaltung einer für jeden Menschen annähernd erträglichen gesellschaftlichen Gegenwart und Zukunft.

Irgendwann müssen wir – möglichst vor der nächsten Diktatur – doch damit beginnen.

Klaus R.

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