Der Mensch, sein feiges Wesen …

Die Schmach in der Stierkampf-Arena in Spanien – jüngst geschehen dieser Tage – oder andernorts, wo so etwas wie „Stierkampf“ immer noch stattfindet, trifft uns alle, die wir ungerührt, gleichgültig, desinteressiert, unkritisch oder gar begeistert dieser Ungeheuerlichkeit anhängend einem derartig abartigen Treiben zusehen, zusehen wollen und zusehen können. Wir sehen zu , brüllen oder schweigen, statt uns voller Ekel vor uns selbst davon abzuwenden und mit aller Deutlichkeit und Klarheit dagegen zu protestieren.

Die uns Widerlingen der Spezies „Mensch“ hoffnungslos ausgelieferten Tiere erleiden unvorstellbare Qualen in einer derartigen Arena, wo unsere „menschlichen“ Eigenschaften so ganz unverhüllt und schmachvoll sichtbar werden. Gehetzt und heimtückisch angestachelt von seelenlosen Monstern in Menschengestalt, müssen sie dafür herhalten, den ebenso gearteten Zuschauern die Zeit zu vertreiben und den unmittelbar als Möchtegern-Helden sich aufspielenden Akteuren deren völlig verkorkstes Selbstwertgefühl zu tätscheln. Dafür müssen die Tiere leiden und sterben. Was hier stattfindet ist kein Heldentum, sondern eine, auch meine Ehre, meine Seele verletzende Schandtat – unserem Habitus als Mensch so abträglich wie unwürdig. Stierkampf – ein absonderliches Brauchtum, ein teuflischer Bestandteil von „menschlicher“, zurückgebliebener Kultur, die wir eigentlich mit unserer humanistischen Entwicklung schon lange hätten hinter uns lassen müssen, wäre unsere Gehirnleistung tatsächlich so, wie wir sie sehen, eitel und selbstgefällig. Die Huldigung einer Unkultur wie die des Stierkampfes verweist aber sehr deutlich auf unsere zurückgebliebene geistig-moralischen Entwicklung und mentale Leistungsfähigkeit.

In der Antike waren es die Gladiatorenkämpfe, mit denen sich die Zuschauer und Befürworter als zurückgeblieben outeten – ohne sich dessen freilich bewusst gewesen zu sein, wie auch! – Heute sind es der Stierkampf, Hundekämpfe, Hahnenkampf und ähnlicher Irrsinn. Boxen übrigens gehört für mich genauso dazu! Letzteres ist für mich im Vergleich zu den anderen Abartigkeiten allerdings weitgehend noch hinnehmbar, polieren sich doch hierbei lediglich die Menschen ihre Visage oder schlagen sich die Schädel ein. Boxkampfzuschauer – wie ist ein solcher innerlich beschaffen? In diesen Abgrund zu schauen verursacht bei mir eine Gänsehaut. Mich wundert es in diesem Zusammenhang ehrlich gesagt gar nicht, wenn heute immer noch Stierkämpfe stattfinden.

Die Heimtücke des Menschen

Die unfassbare Heimtücke des Menschenzeigt sich auch daran – wie ich unlängst in einer Fernsehsendung mitbekommen habe – was sich Vertreter unserer Spezies für das Töten z.B. eines Rindes, einer Kuh, eines Kalbes „ausgedacht“ haben.

In einem Bericht der Sendereihe „Kulturzeit“ im 3Sat wurden Bilder-Impressionen gezeigt, wo in einem Schlachthof ein Rind in eine ausgebuffte Vorrichtung aus Blech – einer Saloontüre ähnlich – getrieben wurde. Das Tier schaute neugierig und ahnungslose über diese „Tür“, wobei es den Kopf hoch reckte. Seine Schnauze ruhte auf dieser „Tür“. In diesem Augenblick hebt ein Mann vor dieser „Blechtür“ seinen Arm über die Stirn des Rindes, in der Hand ein Bolzenschussgerät und drückt ab. Der Schuss geht zwischen die Augen in den Kopf. Im selben Moment konnte man sehen, wie das Tier seinen Kopf noch einmal hob und die Schnauze nach oben in den Himmel streckte. Dann sackte der Körper hinter der Blechwand zusammen und der Kopf verschwand. Hier hatte ich den Sender weggeklickt. Die darauf folgenden Bilder wollte ich mir dann doch nicht mehr antun. Das durch unsere erbärmliche, hinterhältige Vorgehensweise getötete – davon sollte zumindest ausgegangen werden – oder gar nur verletzte Tier hatte keine Chance, sich seinem Peiniger zu entziehen.

Erbärmlichkeit steht im Kontrast zu „Erbarmen“. Wenn es ums Geschäftemachen und der Beibehaltung unserer Essgewohnheiten geht, kennt der Mensch kein Erbarmen. Und das trotz der vorhandenen echten Alternativen, die ihm dabei helfen würden, diese unselige Entwicklungsstufe endlich hinter sich zu lassen. Wenn das Töten argloser, wehrloser Wesen, das Töten überhaupt zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist, woher soll dann noch sogar Mitgefühl für seinesgleichen herkommen? Und was wir nicht wahrhaben wollen: Wir werden immer gleichgültiger!

Wir handeln aus Gewohnheit übel und fressen uns kaputt. Wenn das ein Grund ist, auf uns stolz zu sein und uns über andere Geschöpfe dieser Erde zu erheben, uns auch noch als „Krönung der Schöpfung“ zu sehen? Ich sehe uns eher als Untergang jeglicher Schöpfung.

Klaus R.
22.08.2010